
Die Schönheit des Brutalismus
Rohbeton, hartes Licht, gespaltene Meinungen – und warum ich trotzdem immer wieder hinschaue
Brutalismus ist keine einfache Architektur. Das merkt man spätestens dann, wenn man mit der Kamera davor steht und nicht genau weiß, ob man das Gebäude bewundert oder befremdlich findet – und beides gleichzeitig stimmt.
Die Bewegung entstand in der Nachkriegszeit und hatte ihre Blütezeit zwischen den 1950er und späten 1970er Jahren. Der Name kommt nicht von Brutalität, sondern vom französischen béton brut – Rohbeton. Das ist kein Zufall: Die Architekten dieser Zeit wollten keine Fassaden, keine Verkleidungen, keine dekorative Ablenkung. Das Material sollte sichtbar bleiben, die Struktur ehrlich. Sichtbeton, geometrische Volumen, Schmucklosigkeit als Programm.
Dahinter steckte oft ein sozialer Anspruch. Bibliotheken, Schulen, Krankenhäuser, Sozialwohnungen – der Brutalismus war keine Architektur für Repräsentation, sondern für Funktion. Das war sein Versprechen. Ob es eingelöst wurde, ist eine andere Frage.
„Es gibt nichts, was diesen Baustil höflich oder niedlich macht. Er ist, was er ist.” — Zaha Hadid
Was die Kritiker sagen – und warum sie nicht ganz Unrecht haben
In den 1980er Jahren wandte sich die öffentliche Meinung ab. „Betonmonster” war noch die freundlichere Bezeichnung. Viele Gebäude verfielen, wurden abgerissen oder hinter Verkleidungen versteckt. Das hatte auch praktische Gründe: Beton altert nicht immer schön, er verfärbt sich, er bröckelt, er wirkt im Regen trist.
Diese Kritik ist nicht einfach wegzudiskutieren. Ich habe das Urban Krankenhaus in Berlin-Kreuzberg fotografiert – ein Gebäude, das genau diese Spannung verkörpert. Imposant aus der Distanz, rau aus der Nähe. Es gibt Winkel, die beeindrucken, und es gibt Momente, in denen man versteht, warum nicht jeder damit etwas anfangen kann.
Warum Fotografen trotzdem immer wieder zurückkommen
Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – ist Brutalismus als fotografisches Thema außergewöhnlich dankbar. Die Reduktion auf Grundformen, die harten Kanten, das Zusammenspiel von Licht und Schatten auf rauen Oberflächen: Das erzeugt Kompositionen, die man nicht inszenieren muss. Sie sind schon da.
Peter Chadwick hat das früh erkannt. Was als Twitter-Projekt begann – Fotos brutalistischer Gebäude unter dem Namen This Brutal World – wurde zu einem Buch und zu einem der einflussreichsten visuellen Archive dieser Architektur. Seine Bilder, oft schwarzweiß, zeigen keine Tristesse. Sie zeigen Geometrie, Gewicht, Präsenz.
Der britische Fotograf Simon Phipps geht einen ähnlichen Weg. Seine Bücher Brutal London und Brutal Scotlanddokumentieren Gebäude, die im Alltag kaum jemand bewusst wahrnimmt – und machen sichtbar, was Licht auf rohem Beton anrichten kann.
Fazit
Brutalismus ist nicht für jeden. Das ist in Ordnung. Aber wer einmal anfängt, diese Gebäude wirklich anzuschauen – ihre Proportionen, ihre Materialität, ihr oft überraschendes Verhältnis zum Licht – der sieht sie danach anders. Nicht unbedingt schöner. Aber nicht mehr unsichtbar.
Genau das ist es, was mich als Fotograf immer wieder dorthin zieht.
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